HERE GOES INVISIBLE HEADER

Mit Ines Wasserka

Zeitung in der Schule: Ines Wasserka im Interview

fileadmin/_processed_/csm_zisch_02_d367c24546.jpg
Zeitung in der Schule Ines Wasserka koordiniert beim Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger die einzelnen Zisch-Projekte.

Wie man junge Leser für ein traditionelles Medium gewinnt

Frau Wasserka, was sind ihre Aufgaben beim Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV)?

Der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger hat 53 Mitgliedsverlage. Ich berate die Verbandsmitglieder zu rechtlichen Themen die im Verlagsalltag auftauchen, insbesondere bei Fragen des Medien-, Presse-, Urheber- und Wettbewerbsrechts. Zusätzlich zu meiner Hauptaufgabe als Justiziarin habe ich auch außerjuristische Aufgaben, wie die Betreuung der Zisch-Projekte, was ich sehr abwechslungsreich finde. Darüber hinaus organisiere ich Seminare für Verlagsmitarbeiter und betreue die verschiedenen Ausschüsse des Verbands, die sich mit Vertriebs-, Anzeigen- und digitalen Themen beschäftigen.

Welche Themen beschäftigen aktuell die Verlagswelt?

Ein aktuelles Thema, welches die Verlage vor große Probleme stellt, ist die Einführung des Mindestlohns, was auch einen juristischen Hintergrund hat. Die Bezahlung von Stücklöhnen soll zwar weiterhin möglich sein, wenn dabei gewährleistet ist, dass der Mindestlohn für die geleisteten Arbeitsstunden erreicht wird. Ein Mindestlohn auf Stundenbasis bzw. die Umrechnung Stück- in Stundenlohn gestaltet sich in der Praxis aber schwierig – gerade bei der Bezahlung von Zustellern. Weil das Gesetz erst verabschiedet wurde, die Durchführungsverordnung aber noch auf den Weg gebracht werden muss, sind hier noch viele Fragen offen.

Ein weiteres Thema ist die Entwicklung im digitalen Bereich. Die Verlage sind gerade sehr innovativ bei der Einführung von Zeitungs-Apps. Die Zeitungs-Webseiten werden verstärkt für die mobile Nutzung auf Smartphones angepasst oder dementsprechend werden Apps entwickelt.

Letzte Woche erschien ein größerer Artikel zur Zeitungskrise in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Wie spiegelt sich das bei den südwestdeutschen Zeitungen wieder?

Es wird verstärkt wahrgenommen, dass, wie in diesem Artikel beschrieben, jüngere Leser eher die digitalen Medien bevorzugen. Dementsprechend fördern die Verlage neben der etablierten Printausgabe neue Produkte, um auch die jüngeren Leser abzuholen. Dennoch können die jungen Leser durchaus als zeitungsaffin bezeichnet werden, sie lesen durchaus noch Zeitungen. In der AGOF Internet Facts Studie 2014 steht, dass 67 Prozent der 14- bis 29-jährigen einmal im Monat die Webangebote der Zeitungen besuchen. D. h. dass sie gezielt nach Informationen auf Zeitungsangeboten suchen.

Insbesondere Programme wie Zisch zeigen, dass Kinder und Jugendliche weiterhin vom gedruckten Medium Zeitung fasziniert sind.

Die jungen Teilnehmer der Zisch-Projekte bekommen alle über einen mindestens zweiwöchigen Zeitraum die Zeitung frei Haus geliefert. Die eigene Zeitung zu beziehen, dass macht sie auch alle ein wenig stolz. Manche der jüngeren Leser müssen aber erst an das Medium Zeitung herangeführt werden, weil es nicht mehr alltäglich ist, dass in jedem Haushalt die Zeitung morgens auf dem Küchentisch liegt. Zu erfahren, wie eine Zeitung hergestellt wird, wie eine Information aufbereitet wird, dass recherchiert wird, dass mehrere Redakteure daran arbeiten, dass Tag und Nacht gearbeitet wird bis am Ende die gedruckte Zeitung dasteht, das alles ruft bei den Kindern eine große Begeisterung hervor. Sie verstehen dann auch den Unterschied zwischen einer Information, die ungefiltert und schnell im Internet verbreitet wird und der Information, die in der Zeitung steht. Die Glaubwürdigkeit der Zeitung, die von den jungen Lesern ohnehin schon als hoch eingeschätzt wird, wird so nochmal gesteigert.

<i>Juristin Ines Wasserka vertritt die Mitglieder des Verbandes Südwestdeutscher Zeitungsverleger in vielfältigen Rechtsbelangen.</i>

Zusammenfassend: Jugendliche lernen den Unterschied zwischen Print- und Online-Informationen kennen …

Den Unterschied verstehen sie ohnehin! Der wird bei Zisch aber nochmal deutlich hervorgehoben. Die JIM-Studie 2013 zeigt, dass Jugendliche die Tageszeitung als das glaubwürdigste Medium von allen einschätzen. Das Kennenlernen des Mediums Zeitung durch die Zisch-Programme stärkt diesen Eindruck. Sie haben sogar die Möglichkeit sich selbst als Redakteure zu betätigen, was Nähe zum Medium schafft und diese Nähe schafft Vertrauen. Selbstverständlich können junge Menschen unterscheiden, welche Informationen glaubwürdig sind und welche nicht. Das erfahren Jugendliche ja oft am eigenen Leib, dass Falschinformationen sehr schnell auf sozialen Netzwerken verbreitet werden, ohne dass sie vorher auf Richtigkeit geprüft wurden.

Die Kinder lernen bei Zisch, dass Informationen erst nach sehr viel Recherche in der Zeitung veröffentlicht werden und das begeistert sie an diesem Medium.

Bei den Projekten haben Schulklassen die Möglichkeit, die Redaktion vor Ort sowie das Druckhaus zu besuchen. Da erleben die Schülerinnen und Schüler dann, wie bei der Sendung mit der Maus, wie eine Meldung zur fertigen Zeitung "verarbeitet" wird. Die Zeitungsführungen sind immer ein absolutes Highlight! Die Kinder sind dann immer so sehr begeistert, dass daraufhin teilweise auch die Eltern Interesse an einer Führung bekunden.

Wir brauchen also "Zisch für Erwachsene"? Was versprechen sich die Zeitungen denn vom Zisch-Programm?

Ziel ist, die Lesekompetenz und die Medienkompetenz zu schulen und zu fördern. Letzten Endes soll das auch ein Beitrag dazu sein, dass Jugendliche sich zu kritisch denkenden Individuen entwickeln. Studien wie die Pisa-Studie 2009 belegen, dass durch regelmäßiges Zeitungslesen die Allgemeinbildung verbessert wird, was nicht besonders überraschend ist. Solche Kinder weisen nicht nur eine höhere Lesekompetenz auf, sondern auch eine höhere Problemlösungskompetenz. Sie lernen also Wichtiges von Unwichtigem zu filtern. Die allgemeine Lust am Lesen kann also durch solche Zeitungsprojekte nachhaltig gefördert werden. Insbesondere wenn eine Berührung mit dem Medium Tageszeitung stattfindet und die regelmäßige Lektüre ermöglicht wird. Das trifft besonders für Kinder zu, die bislang wenig Berührungspunkte mit dem Medium Zeitung hatten. Die Schulprojekte werden ja klassenweise durchgeführt und erstrecken sich über alle Schularten. Teilweise gibt es sogar schon Projekte mit Grundschulen oder weiterführenden Schulen. Dementsprechend werden auch Schüler angesprochen, die vielleicht zu Hause weniger Berührungspunkte mit der Zeitung haben.

Oberstes Ziel – Förderung der Lesekompetenz

Was wird bei einem Zisch-Projekt konkret gemacht, um die Lesekompetenz zu fördern?

Konkret erläutern die Redakteure ihre Arbeit, wie also der Redaktionsalltag aussieht. Die Lesekompetenz soll dadurch gefördert werden, dass über den Zeitraum des Projektes die Schüler täglich mit der Zeitung beliefert werden. In Unterrichtseinheiten wird dann über diesen Zeitraum hinweg die Zeitung gezielt gemeinsam gelesen. Die begleitenden Unterrichtsmaterialien wurden übrigens teilweise in Zusammenarbeit mit pädagogischen Hochschulen entwickelt und damit erreichen die Lehrer letztendlich auch das Ziel der Leseförderung. Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler, wie eine Zeitung aufgebaut ist, welche Themen wo stehen, welche Bücher eine Zeitung hat, etc. Da zeigt sich interessanterweise, dass junge Menschen genauso wie Erwachsene das gleiche Nutzungsverhalten an den Tag legen.

Jungs sind eher am Sportteil bzw. an Fußball interessiert und greifen sich nach einer Weile den Sportteil.

Die Mädchen lesen lieber den Kulturteil oder Vermischtes aus aller Welt!     

Und welche Reaktionen kommen von den Schülern?

Die Kinder sind sehr begeistert von dem Blick hinter die Kulissen und sagen: "Jetzt weiß ich endlich, wie eine Zeitung entsteht." Ein weiteres Highlight ist für die Schüler, den eigens recherchierten Artikel dann veröffentlicht zu sehen. Das ist dann ganz großes Kino für die Schüler. Die entwickeln da so einen richtigen Ehrgeiz, nicht als Einzelkämpfer sondern als Gruppen. Sie suchen sich dann Themen raus, mit denen sie sich beschäftigen, sie interviewen z. B. die Schulleiterin. Wenn das dann noch in einer Sonderzeitungsausgabe festgehalten wird, dann sieht man die beteiligten Schüler mit stolzgeschwellter Brust dastehen.

<i>"Dünn, dünner, magersüchtig" lautet ein Zeitungsartikel, der von Schülern innerhalb des Zisch-Projektes verfasst wurde.</i>

Rückblick und Ausblick zum Zisch-Programm

Was sind die Voraussetzungen dafür, dass eine Zeitung am Zisch-Programm teilnehmen kann?

In der Kooperationsvereinbarung zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem VSZV wurden Kriterien festgehalten, die alle teilnehmenden Zeitungen erfüllen müssen. Dazu gehört die Lieferung der Zeitung an die Schüler über mindestens zwei Wochen. Dann sollte die Möglichkeit bestehen, die Druckerei und das Redaktionshaus zu besuchen bzw. von einem Redakteur in der Schule besucht zu werden. Darüber hinaus sollten die Zeitungen begleitende Arbeitsmaterialien und Anleitungen für die Lehrer bereitstellen, um das Medium Zeitung im Unterricht aufarbeiten zu können. Da steht dann bspw. drin, dass sich eine Zeitung aus einzelnen Büchern zusammensetzt und wie die Prozesse innerhalb der Zeitung funktionieren. Weiterhin sollte das Projekt vom durchführenden Verlag in der Tageszeitung und/oder in seinem Online-Angebot dokumentiert werden. So erhalten die Schüler auch die Gelegenheit, ihre Beiträge in der Druckausgabe oder im Online-Angebot veröffentlichen zu können.  

Wie lange existiert denn bereits das Projekt und wer nimmt in Baden-Württemberg alles daran teil?

Von den Verbandsmitgliedern betreiben einige schon seit über 10 Jahren Projekte zur Leseförderung und Steigerung der Lesekompetenz. Diese Projekte müssen nicht zwingend Zisch heißen sondern haben einen verlagseigenen Namen. Ein Teil dieser Projekte, die sich speziell um Schulen kümmern, wurden durch die Kooperationsvereinbarung zwischen VSZV und Land Baden-Württemberg unter dem Dach "Zeitung in der Schule" kurz "Zisch" zusammengefasst. Es gibt aber darüber hinaus auch weitere Projekte, wie z. B. "Zeitung im Kindergarten" oder "Klasse Azubis".

Und wie viele Schüler wurden bereits durch die Projekte erreicht?

Wir hatten bereits im Jahr 2008 eine Umfrage gemacht und unter unseren Mitgliedsverlagen eruiert, dass jährlich über 3000 Schulklassen an den angebotenen Schulprojekten teilnehmen.

Da kann man jährlich von insgesamt 60.000 Schülerinnen und Schülern ausgehen, die an dem Programm teilnehmen.

Das ist schon ganz schön viel. Die Projekte sind auch sehr beliebt bei den Schulen und es gibt eine sehr hohe Nachfrage nach den Projekten. Vereinzelt konnten Schulen nicht im gewünschten Zeitraum berücksichtigt werden und mussten auf einen späteren Termin verwiesen werden. Die Zusammenarbeit mit den Schulen läuft aber ausgezeichnet, da über die Jahre bereits gute Kontakte entstehen konnten.

Wie kann sich eine Schule bei Zisch bewerben?

Die Zeitungen haben entsprechende Formulare, die zum Teil auch online ausgefüllt werden können. Die Schulen können sich auch einfach telefonisch bei den Zeitungen melden.

Ein Blick in die Zukunft. Womit werden sich die an Zisch beteiligten Verlage zukünftig beschäftigen?

In Zukunft geht es verstärkt darum, zielgruppengerechte und passgenaue Angebote zu entwickeln, die für die einzelnen Altersgruppen geeignet sind. Das können sowohl Print- als auch Online-Angebote sein. Das sind Projekte,  die Kinder aller Altersstufen ansprechen sollen. Mittlerweile erscheint beispielsweise wöchentlich eine eigene Kinderzeitung, die von mehreren Verlagen unseres Verbandes herausgegeben wird und als Abo bezogen werden kann. Wirklich toll sind immer wieder auch die Kinderpressekonferenzen, die die Verlage durchführen.